In den vergangenen Jahren ist ein Phänomen verstärkt sichtbar geworden: Veranstaltungen werden kurzfristig abgesagt, Vorträge verschwinden aus Ticketshops oder Veranstaltungsorte ziehen ihre Zusage zurück. Häufig geschieht dies nicht aus organisatorischen Gründen, sondern aufgrund politischer oder medialer Einflussnahme. In der öffentlichen Debatte wird dieses Vorgehen oft unter dem Schlagwort „Cancel Culture“ diskutiert.
Der Begriff „Cancel Culture“ beschreibt im Allgemeinen den Versuch, Personen oder Organisationen aus dem öffentlichen Raum auszuschließen, weil ihre Aussagen oder Positionen als problematisch etikettiert werden. Dies kann durch öffentliche Kritik, Boykottaufrufe oder institutionelle Maßnahmen geschehen – etwa durch Absagen von Veranstaltungen oder das Entfernen von Inhalten von Plattformen. (Wikipedia)
Ein wichtiges Mittel dabei ist das sogenannte „Deplatforming“: Personen oder Gruppen verlieren den Zugang zu Plattformen, über die sie ihre Inhalte verbreiten könnten. Genau hier kommen Ticketplattformen ins Spiel.
Was bedeutet Cancel Culture bei Veranstaltungen?
In der Praxis läuft das Cancelling von Veranstaltungen häufig nach einem ähnlichen Muster ab:
- Mediale Kampagnen oder kritische Berichterstattung
Journalistische Artikel oder Beiträge in großen Medien können eine Veranstaltung öffentlich problematisieren. Dadurch entsteht öffentlicher Druck auf Veranstalter, Locations oder Ticketanbieter. - Druck auf Veranstaltungsorte
Veranstaltungsorte erhalten häufig E-Mails, Telefonanrufe oder Protestankündigungen von durch die Kampagne angestachelten Personen. Betreiber fürchten dann Imageschäden, Sicherheitsprobleme oder politische Konflikte. - Druck auf Plattformen und Dienstleister
Auch Ticketplattformen geraten in die Kritik, wenn sie Tickets für umstrittene Veranstaltungen verkaufen. Um negative Schlagzeilen zu vermeiden, entscheiden sich manche Plattformen, entsprechende Events zu entfernen. - Vorauseilender Gehorsam
Besonders häufig kommt es vor, dass Veranstaltungen gar nicht erst zustande kommen. Aus Angst vor Kontroversen sagen Locations oder Dienstleister bereits im Vorfeld ab.
Der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring dokumentiert seit Anfang 2023 unzählige solcher Fälle in seinem sogenannten „Cancel-Culture-Tagebuch“. Dort werden zahlreiche Beispiele gesammelt, in denen Veranstaltungen oder Auftritte nach politischem oder medialem Druck abgesagt wurden. Laut Häring wird dabei häufig durch Aktivisten oder Medien Druck auf Veranstalter ausgeübt, Veranstaltungen mit bestimmten Personen zu canceln oder ihnen öffentliche Auftritte zu verwehren. (norberthaering.de)
Seine Dokumentation zeigt, dass solche Vorgänge in vielen Bereichen auftreten: von Universitäten über Kulturveranstaltungen bis hin zu politischen Vorträgen.
Ticketplattformen befinden sich in einer sensiblen Position. Sie sind meist große, öffentlich sichtbare Unternehmen mit vielen Geschäftspartnern. Für sie können Kontroversen wirtschaftliche Risiken bedeuten:
- Image- und Reputationsrisiken
- Druck von Medien oder Aktivistengruppen
- Befürchtete Sicherheitsprobleme bei Veranstaltungen
- Vertragliche Beziehungen zu Veranstaltungsorten oder Sponsoren
Aus diesem Grund reagieren manche Plattformen schnell, wenn ein Event politisch umstritten wird. Anstatt sich in eine öffentliche Debatte zu begeben, löschen sie das Angebot einfach aus ihrem System.
Genau ein solcher Fall war auch der Auslöser für die Gründung der Ticketplattform KRASSER GURU.
Wie im Artikel „Warum wir unsere eigene Ticketplattform – KRASSER GURU – gegründet haben“ beschrieben, sollte im Jahr 2023 ein Vortrag von Kayvan Soufi-Siavash stattfinden. Die Tickets wurden über die etablierte Plattform ticket.io verkauft.
Kurz vor der Veranstaltung erschien jedoch ein kritischer Artikel auf einem großen Nachrichtenportal. In der Folge stoppte ticket.io den Ticketverkauf und entfernte das Event aus dem System – obwohl die Veranstaltung bereits organisiert war.
Für den Veranstalter bedeutete das ein enormes Risiko: Marketingkosten waren bereits entstanden, die Location war gebucht und Besucher hatten ihre Teilnahme geplant.
Solche Situationen entstehen häufig durch eine Wechselwirkung zwischen Medien, Plattformen und Veranstaltungsorten.
Journalisten können mit kritischen Artikeln erheblichen Druck erzeugen. Veranstaltungsorte berichten immer wieder, dass sie nach entsprechender Berichterstattung:
- einschüchternde E-Mails erhalten
- telefonisch kontaktiert werden
- mit Protesten oder Boykottaufrufen rechnen müssen
Viele Betreiber von Veranstaltungsräumen möchten solche Konflikte vermeiden und ziehen ihre Zusage zurück. In anderen Fällen reagieren Ticketplattformen vorsorglich und löschen Veranstaltungen selbst.
Für Veranstalter bedeutet diese Situation eine hohe Abhängigkeit von externen Plattformen. Wird ein Event kurzfristig entfernt, kann das den gesamten wirtschaftlichen Erfolg einer Veranstaltung gefährden.
Warum eigene Ticketplattformen wichtiger werden
Genau aus diesem Grund entscheiden sich manche Veranstalter dafür, eigene Infrastruktur aufzubauen – etwa eigene Ticketshops oder spezialisierte Plattformen.
Eine unabhängige Ticketlösung bietet mehrere Vorteile:
- größere Kontrolle über den Ticketverkauf
- geringere Abhängigkeit von Plattformentscheidungen
- stabilere Planungssicherheit für Events
- keine Cancel Culture bei Veranstaltungen
Dass Veranstaltungen von Ticketplattformen gelöscht werden, ist selten ein rein technisches oder organisatorisches Problem. Häufig steht dahinter ein komplexes Zusammenspiel aus medialem Druck, öffentlicher Kritik und wirtschaftlichen Interessen.
Die Debatte über „Cancel Culture“ zeigt, wie stark öffentliche Meinung und Medienberichterstattung inzwischen auch den Veranstaltungsmarkt beeinflussen. Für Veranstalter kann das bedeuten, dass nicht nur Inhalte und Publikum über den Erfolg einer Veranstaltung entscheiden – sondern auch die Plattformen, über die Tickets verkauft werden.
Gerade deshalb gewinnt die Frage nach unabhängigen Strukturen im Veranstaltungsbereich zunehmend an Bedeutung.
